Kurz gesagt: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat aufgeschrieben, wie ein Verlag arbeitet: als Prozessmodelle für Lektorat, Herstellung, Vertrieb, Kundenpflege und Honorare, dazu 313 Anforderungen an Software aus Sicht der Menschen, die dort arbeiten. Wir haben zur Frankfurter Buchmesse jede dieser Anforderungen neben Hermes 3000 gelegt. Ergebnis: Die inhaltliche Arbeit an einem Buch – Lektorat, Korrektorat, Satz, Cover, Titelei, Metadaten für BoD und Amazon KDP – deckt Hermes weitgehend ab. Lücken gibt es bei Alternativtexten für Bilder im E-Book, bei Freigaben zwischen zwei Menschen und bei Bildrechten. Daran arbeiten wir als Nächstes.
Diese Woche ist Frankfurter Buchmesse, und wie jedes Jahr geht es dort auch um die Frage, wie Bücher in Zukunft entstehen. Für Selfpublisher hat diese Frage eine eigene Färbung: Wer ohne Verlag veröffentlicht, übernimmt alles, was ein Verlag sonst tut. Nur – was genau tut ein Verlag eigentlich?
Nachtrag nach der Messe: Zwei Dinge sind uns in Frankfurt aufgefallen. Das erste: Der Blick auf künstliche Intelligenz war deutlich differenzierter, als zu erwarten war. Die Branche nähert sich dem Thema vorsichtig, und an manchen Stellen war sogar ein wenig Aufbruchstimmung zu spüren. Das zweite: Wenn es um die Zukunft des Buches selbst ging, um seine Form und darum, wie es sich seinen Leserinnen und Lesern zeigt, blieben die Ideen erstaunlich konservativ. Wie ein Buch entsteht, wird gerade neu gedacht. Wie es aussieht und gelesen wird, noch kaum.
Darauf gibt es seit Kurzem eine ungewöhnlich genaue Antwort, und sie kommt aus der Branche selbst.
Die Taskforce IT-Standards
2022 hat der Börsenverein eine Taskforce gegründet, die Verlagen und Buchhandlungen den Weg zu passender Software erleichtern soll. Statt einer Marktübersicht hat sie etwas Gründlicheres gemacht: Verlagsleute haben ihre Abläufe als Prozessmodelle gezeichnet (in der Notation BPMN, die man mit dem kostenlosen Camunda Modeler öffnen kann) und dazu User Stories geschrieben – Sätze der Form „Als Lektorin möchte ich …, damit …“, jeweils mit Kriterien, wann die Anforderung erfüllt ist.
Herausgekommen ist ein Bild des Verlagsalltags in fünf Bereichen:
- Lektorat: von der Planung eines Titels über das Exposé bis zum Lektorieren, der Plagiatsprüfung und der Übergabe an die Herstellung.
- Produktion: Manuskriptaufbereitung, Layout-Vorlagen, Satz, Korrekturgänge, Imprimatur, Druck-PDF und E-Book.
- Vertrieb: Metadaten fürs Verzeichnis lieferbarer Bücher, Ladenpreise, Auslieferung, Verkaufsberichte.
- Kundenpflege (CRM) und Honorare/Lizenzen.
Alles ist öffentlich auf der Website des Börsenvereins abrufbar. Dazu gibt es einen Fragebogen, mit dem Verlage Software-Anbieter fragen können, welche dieser Prozesse ihr Produkt abdeckt.
Warum uns das als Autorenwerkzeug interessiert
Die meisten dieser Anforderungen gelten für ein Haus mit Abteilungen. Kundenstamm, Außendienst, Remissionen, Honorarabrechnung – das braucht niemand, der sein eigenes Buch schreibt.
Aber ein großer Teil gilt für jedes Buch, egal wer es herausbringt. Ein Manuskript braucht ein Lektorat, ein Korrektorat, einen sauberen Satz, eine Titelei, ein Cover und Metadaten, mit denen der Buchhandel es findet. Wer im Verlag veröffentlicht, bekommt das von Fachleuten. Wer selbst veröffentlicht, muss es selbst organisieren – und weiß oft nicht einmal, dass es diese Stationen gibt.
Die Liste der Taskforce ist deshalb auch eine Checkliste: Das ist die Arbeit, die ein Verlag an deinem Buch tun würde.
Was wir gemacht haben
Wir haben alle 313 User Stories gelesen und jede neben Hermes 3000 gelegt: vorhanden, teilweise vorhanden, fehlt, oder für ein einzelnes Buch nicht relevant. Für die Bereiche, die ein Buch einer einzelnen Person betreffen, sieht das so aus:
Was schon da ist
- Lektorat: Die Qualitätsanalyse liest das ganze Buch Kapitel für Kapitel und bewertet Struktur, Stil, Spannung und Wiederholungen. Die Konsistenzprüfung findet Widersprüche bei Figuren, Orten und Zeitlinien, der Story Atlas leitet die Struktur aus dem Manuskript ab. Vorschläge zur Überarbeitung lassen sich einzeln annehmen oder ablehnen.
- Korrektorat: Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung, kapitelweise geprüft. Im Buchsatz kommen typografische Anführungszeichen, Gedankenstriche und geschützte Leerzeichen dazu.
- Zusammenarbeit: Kommentare, die an genau den Wörtern hängen, um die es geht, mit Namen der Person, die kommentiert hat. Lektorinnen und Coaches lassen sich einladen, Passagen gezielt zur Durchsicht schicken.
- Satz und Prüfbericht: Druck-PDF in den Formaten von BoD und Amazon KDP, eine Buchansicht zum Durchblättern – genau das, was in der Taskforce „Satzfahne mit dem Original abgleichen“ heißt – und ein Satzbericht, der sagt, wo Zeilen Löcher haben oder ein Kapitel mit einer einzelnen Zeile endet. Einen Werkstattbericht dazu gibt es hier im Blog.
- Titelei und Cover: Schmutztitel, Titelseite, Impressum mit ISBN und den Pflichtangaben für BoD; ein Druck-Cover mit Rücken, dessen Breite aus Seitenzahl und Papier berechnet wird.
- Metadaten: Warengruppen nach Thema, Schlagworte, Verkaufshinweise und Katalogtexte für BoD, Kategorien und Suchbegriffe für Amazon KDP.
- Versionen: Ältere Stände jedes Abschnitts und tägliche Sicherungen des ganzen Buchs lassen sich wiederherstellen.
- Werbetext: Klappentext und Shop-Beschreibungen mit den Zeichengrenzen, die die Plattformen tatsächlich verlangen.
Was fehlt
Drei Lücken sind uns beim Vergleich aufgefallen, und wir nennen sie lieber selbst:
1. Alternativtexte für Bilder im E-Book. In den Anforderungen der Lektorate steht ausdrücklich, dass ein Manuskript „alternative Beschreibungstexte für Abbildungen“ enthalten soll, damit die Publikation gesetzeskonform erscheint. Gemeint ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das seit Juni 2025 auch für E-Books gilt. Ein Screenreader liest statt des Bildes diesen Text vor. Unsere E-Books tragen bei Bildblöcken bisher nur einen allgemeinen Platzhalter. Das ändern wir als Erstes: ein eigenes Feld für den Alternativtext, ein Vorschlag, den du bestätigst, und eine Prüfung vor dem Export.
2. Freigaben zwischen zwei Menschen. Im Verlag hat jedes Kapitel einen Status, und am Ende steht die Imprimatur: die ausdrückliche Freigabe zum Druck. Hermes kennt Kommentare und Durchsichten, aber keinen Status „im Lektorat“ oder „freigegeben“, keine Fristen und keine Antworten auf Kommentare. Für alle, die mit einer Lektorin oder einem Coach arbeiten, ist das die nächste große Baustelle.
3. Rechte. Verlage prüfen vor der Herstellung, ob für jedes Bild die Nutzungsrechte geklärt sind, und sie prüfen Manuskripte auf Plagiate. Unsere Mediathek merkt sich, wer ein Foto beigesteuert hat, aber nicht, unter welcher Lizenz. Eine Plagiatsprüfung haben wir nicht – nur die Erkennung von KI-Texten und den Herkunftsnachweis, und das ist etwas anderes.
Dazu kommen zwei kleinere Dinge, die schnell zu haben sind: ein Ladenpreis am Buch (mit dem Hinweis auf die Buchpreisbindung) und ein Exposé, das aus dem vorhandenen Material entsteht – für alle, die mit ihrem Manuskript doch einen Verlag oder eine Agentur suchen.
Was wir bewusst nicht bauen
Ein großer Teil der Anforderungen beschreibt die Verwaltung eines Verlags: Kundenkartei, Außendienst, Bestellungen, Remissionen, Honorarabrechnung, XML-Workflows für Fachverlage. Das ist wichtig, aber es ist nicht die Arbeit an einem Buch, und dafür gibt es spezialisierte Verlagssoftware. Hermes bleibt ein Werkzeug für das Buch selbst – vom ersten Satz bis zur fertigen Druckdatei.
Was du heute schon tun kannst
Wenn du dein Buch selbst veröffentlichst, nimm die Stationen eines Verlags als Checkliste:
- Planung: Gibt es vergleichbare Titel, und wofür steht deins? (In Hermes: die Selbsteinschätzung vor dem Buch mit Marktreport.)
- Lektorat: Trägt die Geschichte, stimmen Figuren und Zeitlinie? (Qualitätsanalyse, Konsistenzprüfung.)
- Korrektorat: Rechtschreibung und Zeichensetzung, am besten zusätzlich von einem Menschen gelesen.
- Satz: Satzbericht lesen, das ganze Buch in der Buchansicht durchblättern.
- Imprimatur: Gib dir selbst bewusst die Freigabe – erst, wenn du jede Doppelseite gesehen hast.
- Metadaten und Preis: Warengruppen, Schlagworte und Klappentext entscheiden, ob dein Buch gefunden wird.
Keine dieser Stationen ist neu. Neu ist, dass ein Verlag sie nicht mehr exklusiv hat.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Taskforce IT-Standards des Börsenvereins?
Eine 2022 gegründete Arbeitsgruppe des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die die Abläufe in Verlagen als Prozessmodelle beschreibt und daraus Anforderungen an Software ableitet. Die Ergebnisse sind auf der Website des Börsenvereins frei abrufbar.
Brauche ich als Selfpublisher Alternativtexte für Bilder?
Für ein barrierefreies E-Book ja: Ein Screenreader liest den Alternativtext statt des Bildes vor. Ob du nach dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz selbst dazu verpflichtet bist, hängt unter anderem von der Größe deines Unternehmens ab – Kleinstunternehmen sind bei Dienstleistungen ausgenommen. Lass das im Zweifel prüfen. Sinnvoll ist es in jedem Fall.
Ersetzt Hermes 3000 ein Verlagslektorat?
Nein. Hermes macht die Arbeit eines Lektorats für dich sichtbar und nimmt dir viel davon ab – Widersprüche, Wiederholungen, Stilfragen, Rechtschreibung. Ein Mensch, der dein Buch liest und dir widerspricht, bleibt wertvoll. Dafür kannst du Lektorinnen und Coaches direkt in dein Buch einladen.
Was ist eine Imprimatur?
Die ausdrückliche Freigabe eines gesetzten Textes zum Druck. Im Verlag erteilt sie die Herstellung oder das Lektorat, nachdem die letzten Korrekturen geprüft sind. Wer selbst veröffentlicht, erteilt sie sich selbst – am besten bewusst, nach einem letzten Durchblättern der fertigen Druckdatei.