Das Manuskript ist fertig, monatelang geschrieben, überarbeitet, von Testlesern gelesen. Und dann kommt die Frage, mit der viele Autorinnen und Autoren nicht gerechnet haben: Wie wird daraus ein Buch? Welcher Rand, welche Schrift, welche Zeilenlänge? Warum lehnt die Druckerei die PDF ab? Warum sieht die Seite in Word ordentlich aus und gedruckt irgendwie falsch?
Buchsatz ist ein eigenes Handwerk, und die meisten, die ihr erstes Buch selbst veröffentlichen, stehen davor wie vor einer Wand. Das wäre halb so schlimm, wenn es nicht so viel ausmachen würde. Aber die Anmutung eines Buches entscheidet mit darüber, ob es ernst genommen wird: in der Leseprobe, im „Blick ins Buch“ bei Amazon, in der Hand einer Buchhändlerin. Ein unruhiger Satz, zu lange Zeilen oder eine falsch platzierte Seitenzahl lassen ein Buch nach Eigenverlag aussehen – noch bevor jemand den ersten Satz gelesen hat. Viele Leserinnen können nicht benennen, was ihnen auffällt. Aber sie merken es.
Die üblichen Auswege sind teuer. Professionelle Satzsoftware kostet schnell hunderte Euro – allein das deutsche Schreibprogramm Papyrus liegt bei 349 Euro –, und wer den Satz in die Hände eines Profis gibt, zahlt je nach Umfang und Anspruch hunderte, bei aufwendigen Büchern auch tausend Euro und mehr. Für ein erstes Buch, dessen Erfolg noch offen ist, ist das viel Geld.
Hermes 3000 erzeugt aus deinem Manuskript ein druckfertiges PDF für Amazon KDP und BoD – ohne zusätzliche Software, ohne Aufpreis. In den letzten Wochen haben wir diesen Buchsatz gründlich überarbeitet, angestoßen von einem erfahrenen Setzer, der unsere Ausgabe mit einer Liste von zwanzig Punkten zurückgeschickt hat. Daraus sind vierundzwanzig Änderungen geworden. Dieser Werkstattbericht erzählt, was wir dabei gelernt haben – vor allem eines: Beim Buchsatz darf man nichts annehmen. Man muss messen.
Warum Messen?
Unser Buchsatz entsteht in einer Browser-Engine: Das Buch wird als HTML mit Druck-CSS beschrieben und von Chromium zu einem PDF gesetzt. Das hat große Vorteile – echte Schriften, echte Silbentrennung, jedes Format. Es hat aber einen Haken: Was im CSS steht, ist eine Bitte, keine Garantie. Ob eine Zeile wirklich auf dem Raster sitzt, ob die Seitenzahl dort steht, wo man sie vermutet, ob eine Regel überhaupt greift, zeigt erst das fertige PDF.
Deshalb haben wir für jede Frage eine eigene Messung gebaut: ein Werkzeug, das gerenderte Seiten ausliest und Abweichungen in Punkt und Millimeter angibt. Fast jede Verbesserung in diesem Bericht beginnt mit einem Messwert, der nicht zu unserer Annahme gepasst hat.
Die Zeilen liegen aufeinander: Registerhaltigkeit
In einem gut gesetzten Buch stehen die Zeilen der Vorderseite exakt über denen der Rückseite. Hält man die Seite gegen das Licht, scheint keine Zeile zwischen zwei anderen hindurch. Setzer nennen das Registerhaltigkeit, und sie ist der Grund, warum ein Buch ruhig wirkt.
Dafür muss alles auf einem gemeinsamen Grundlinienraster sitzen: Überschriften, Abstände, Bilder, Leerzeilen – jeder Abstand ein ganzes Vielfaches der Zeilenhöhe.
Unser Raster war sauber berechnet. Trotzdem wich die Messung ab, und zwar fast bis an die Grenze des Erlaubten: 0,78 Punkt bei einer Toleranz von 0,8. Die Ursache fanden wir erst, als wir wussten, wonach wir suchen: Chromium setzt eine Seite in Pixeln. Ein Raster von 20,3 Pixeln rundet jede Zeile um bis zu einen halben Pixel. Deterministisch zwar, sodass Vorder- und Rückseite gleich runden – aber genug, um jede weitere Ungenauigkeit sichtbar zu machen.
Die Lösung: Das Raster wird auf ganze Pixel gerundet. Der Zeilenabstand verschiebt sich dabei um höchstens 0,3 Punkt, und seitdem messen zwei unserer vier Stilvorlagen 0,00 Punkt Abweichung.
Wie viele Zeichen in eine Zeile gehören
Eine Zeile mit 45 Zeichen lässt das Auge zu oft springen, eine mit 90 verliert es auf dem Weg zurück an den Zeilenanfang. Für Bücher gilt ein Leseband von 50 bis 70 Zeichen pro Zeile. Wir hatten 55 bis 75 angesetzt; unser Setzer hat uns korrigiert.
Wichtiger als das Band ist, dass wir es jetzt tatsächlich messen, statt es zu schätzen. Wie viele Zeichen in eine Zeile passen, hängt an der Schrift, am Schriftgrad und an der Breite des Satzspiegels. Hermes liest dafür die Zeichenbreiten direkt aus der Schriftdatei und rechnet mit den Rändern, die im PDF tatsächlich verwendet werden. Im Dialog steht deshalb für genau dein Format etwa „≈ 62 Zeichen, 31 Zeilen“. Liegt dein Format außerhalb des Bands, schlägt Hermes den Schriftgrad vor, der wieder hineinführt.
Unsere Thriller-Vorlage lag vorher auf jedem Format zu knapp, auf dem kleinen Romanformat 12 × 19 cm bei 43 Zeichen. Heute liegen alle vier Vorlagen im Band:
| Vorlage | Schrift | Zeichen pro Zeile (A5) |
|---|---|---|
| Klassisch | EB Garamond | 67 |
| Modern | Source Serif 4 | 66 |
| Sachbuch | Merriweather | 63 |
| Thriller | Libre Baskerville | 58 |
»Anführungszeichen« – erst aufräumen, dann setzen
Kaum ein Manuskript kommt mit einheitlichen Anführungszeichen an. Gerade Zeichen aus dem Schreibprogramm, „deutsche“ aus der Autokorrektur, dazwischen ein »französisches« aus einer Vorlage und ein versprengtes englisches. Jede Stelle einzeln zu korrigieren, hätte ein halb korrigiertes Buch gedruckt.
Hermes geht deshalb andersherum vor: Jedes Anführungszeichen wird zuerst auf eine neutrale Form zurückgeführt und dann einheitlich im gewählten Stil neu gesetzt. Für deutsche Bücher ist das jetzt »so«, wie es im Buchsatz üblich ist.
Die Feinheit, die uns am meisten Mühe gemacht hat: das einzelne Zeichen, das nichts schließt. Ist es ein halbes Zitat oder ein Apostroph? Wir haben uns für den Apostroph entschieden – Charles’ Augen, die ’90er, Rock ’n’ Roll kommen in Romanen weit häufiger vor als verschachtelte Zitate.
Lose Zeilen, Löcher und Trennleitern
Blocksatz verteilt den Weißraum einer Zeile auf die Wortzwischenräume. Meist geht das unauffällig. Manchmal nicht: Dann reißt eine Zeile auf, oder vier Zeilen hintereinander enden mit einem Trennstrich und bilden eine Trennleiter.
Um das zu finden, legt Hermes das Buch einmal in voller Druckbreite um und misst jede einzelne Zeile: Wie weit sind die Wortabstände, welche Zeile endet getrennt, wie viele Zeilen braucht ein Absatz. Dass das überhaupt geht, verdanken wir einer Eigenschaft von Chromiums Umbruch: Er arbeitet Zeile für Zeile von vorn, die ersten Zeilen eines Absatzes hängen nicht davon ab, was danach kommt. So lässt sich jede Leiter genau lokalisieren.
Eigene Silbentrennung. Hermes kann die Trennstellen jetzt selbst setzen, statt sie der Browser-Engine zu überlassen. An einem echten Roman gemessen, ist das qualitativ ein Unentschieden: 9,6 gegenüber 10 Prozent weite Zeilen, ein Loch weniger, dieselbe Seitenzahl. Der Gewinn ist Kontrolle. Die Namen deiner Figuren und Orte aus dem Story Atlas werden nie getrennt – vorher setzte der Browser tatsächlich „Su-sans“. Und ein einzelner Trennstrich lässt sich zurücknehmen, um eine Leiter zu brechen.
Der lehrreichste Fehlschlag. Unser erster Versuch, Trennleitern aufzulösen, nahm alle Korrekturen auf einmal vor und prüfte danach. Das Ergebnis an einem echten Roman: fünf Leitern weg, dafür drei Löcher neu – und jedes Loch stand in genau der Zeile, in der vorher eine Leiter geendet hatte. Ein Wort, das nicht mehr getrennt wird, macht seine Zeile länger, und die Zeile reißt auf.
Seitdem wird jede Korrektur einzeln geprüft und nur behalten, wenn sie kein neues Loch erzeugt. An jenem Roman blieb eine von fünf übrig. Das klingt nach wenig, ist aber ehrlicher als fünf, die das Buch schlechter machen.
Was wir verworfen haben. Moderne Browser kennen eine Einstellung namens „text-wrap: pretty“, die schönere Absätze verspricht. Gemessen tauscht sie im Blocksatz Trennstriche gegen Lücken: 19 Prozent weite Zeilen statt rund zehn. Sie ist deshalb nicht im Einsatz.
Die Seitenzahl, die zu tief stand
Hier hat uns die Messung eines Besseren belehrt. Kolumnentitel und Seitenzahl stehen im Rand der Seite, in eigenen Feldern. Ein solches Feld füllt den ganzen Rand aus, und ohne weitere Angabe fällt der Text darin an dessen äußere Kante. Die Folge: Die Seitenzahl stand 16,2 Millimeter unter dem Text, der Kolumnentitel nur 6 Millimeter darüber. Jede Seite wirkte fußlastig, und der Abstand zwischen letzter Zeile und Seitenzahl sah aus wie ein Fehler.
Jetzt hängen beide am Satzspiegel: der Kolumnentitel 7,0 Millimeter darüber, die Seitenzahl 6,4 Millimeter darunter. Und sie hat drei wählbare Positionen – unten mittig, unten außen, oben außen.
Bewusst nicht geändert haben wir den ungleichen Abstand zwischen letzter Textzeile und Seitenzahl. Er ist gewollt: Ein Absatz, der am Seitenende keine drei Zeilen zurücklassen kann, wandert ganz auf die nächste Seite. Seiten enden deshalb zwei, drei oder vier ganze Zeilen früher, nie irgendwo dazwischen. Das ist korrekter Satz, keine Ungenauigkeit.
Gedichte und Briefe
Bei einem Gedicht ist der Zeilenumbruch der Inhalt. Genau das ging bisher verloren: Ein Gedicht, das im Manuskript als Zitatblock stand, kam als Prosa an, umbrochen auf die volle Satzbreite.
Verse und Briefe sind jetzt eigene Formen. Jede Zeile bleibt eine Zeile, eine Leerzeile wird zum Strophenabstand, gesetzt linksbündig, ohne Blocksatz und ohne Silbentrennung. Wird eine Verszeile zu lang, bricht sie mit hängendem Einzug um, damit sie als eine Zeile lesbar bleibt. Ein kurzes Gedicht wird nicht über einen Seitenwechsel gerissen. Und der Strophenabstand ist eine ganze Rasterzeile, damit auch diese Seite registerhaltig bleibt.
Der Satzbericht: was ein Setzer sagen würde
All diese Messungen helfen nur, wenn man sie verständlich macht. Der Satzbericht übersetzt sie in das, was ein Setzer beim Durchblättern sagen würde – mit einer Note, den Kennzahlen dahinter und genau einem nächsten Schritt.
Drei Entscheidungen stecken darin:
- Weite Zeilen sind eine Kennzahl, kein Fehler. Ein paar Prozent leicht gedehnter Zeilen gehören zum Blocksatz. Als Befund gelten nur echte Löcher.
- Befunde werden gruppiert. Ein schwieriges Manuskript lieferte 28 Einzelbefunde, 24 davon fast gleich. Jetzt steht pro Art eine Zeile mit der Gesamtzahl und drei Beispielen – und ein Vorschlag, geordnet nach Wirkung. Eine zu schmale Zeile verursacht Dutzende Befunde auf einmal; ein umgeschriebener Satz behebt genau einen.
- Die Note ist kalibriert, nicht erfunden. Wir haben sechs echte Manuskripte gemessen. Sie reichten von 5 bis 44 Prozent weiten Zeilen, und die drei schwierigsten waren Sachbücher voller Programmcode und langer Komposita. Enthält ein Buch viel solchen Code, sagt der Bericht deshalb ehrlich, das Material sei schwer zu setzen – nicht, das Buch sei schlecht gesetzt.
Das ganze Buch vor dem Druck ansehen
Zum Schluss die Frage, die sich jede Autorin vor dem Hochladen stellt: Ist mein Buch richtig? Nicht nur ein Kapitelanfang, sondern das Ganze – Titelei, Impressum, Inhaltsverzeichnis, beginnen die Kapitel rechts, wie sieht die letzte Seite aus?
Die Buchansicht („Im Buch blättern“) zeigt genau das, Doppelseite für Doppelseite, so wie das PDF zur Druckerei geht. Seite 1 steht dabei allein auf der rechten Seite, wie in einem gebundenen Buch. Unsere alte Vorschau zeigte sie links – an der einzigen Stelle, an der sie in einem echten Buch nicht stehen kann.
Was noch offen ist
Nicht alles ist fertig, und wir wollen nichts versprechen, was wir nicht gemessen haben:
- Fußnoten am Seitenfuß gibt es nicht; Hermes setzt Anmerkungen als Endnoten am Kapitelende. Unser Setzer hielt das für ausreichend.
- Zeilenabstand und Zeilenlänge sind unabhängig einstellbar. Eigentlich braucht eine längere Zeile mehr Durchschuss; einen entsprechenden Vorschlag macht Hermes noch nicht.
- Verse sind gemessen, aber noch durch kein echtes Lyrik-Manuskript gelaufen.
Selbst ausprobieren
Du findest alles in deinem Buch unter Downloads → Professioneller Buchsatz. Die drei Prüfungen – Vorschau des Kapitelanfangs, Buchansicht und Satzbericht – stehen dort nebeneinander unter „Satz prüfen“. Bis 50 Normseiten ist Hermes 3000 kostenlos: Jetzt ausprobieren.